Pharmabranche streitet über Arzneimittelabhängigkeit und Lösungswege für Europas Versorgung
Mustafa TröstPharmabranche streitet über Arzneimittelabhängigkeit und Lösungswege für Europas Versorgung
Deutschlands Pharmabranche steht vor harten Fragen zu ihrer Abhängigkeit von Arzneimittelimporten
Auf der Handelsblatt-Konferenz "Pharma 2026" gerieten Branchenführer und Gesundheitsexperten in einen Streit über Lösungsansätze. Im Mittelpunkt der Debatte standen Vorratshaltung, Regulierung und die Fähigkeit Europas, die eigene Arzneimittelproduktion zu sichern.
Thomas Weigold, Chef von Sandoz/Hexal in Deutschland, warnte auf der Konferenz, Europa sei bei Antibiotika und Generika zu stark von China abhängig. Er forderte, kritische Medikamente als Teil der deutschen Sicherheitsarchitektur zu betrachten. Zudem kritisierte Weigold den "Handel-zuerst"-Ansatz der EU, der die Resilienz bei Generika schwäche, während die Branche mit kostspieligen neuen Vorschriften belastet werde.
Tim Steimle, Pharmavorstand der Techniker Krankenkasse (TK), berichtete, Deutschland habe für 47 Prozent seiner Arzneimittellieferketten einen sechsmonatigen Vorrat aufgebaut. Er verwies darauf, dass Rabattverträge zunehmend durch umfassendere Versorgungsvereinbarungen ersetzt würden, während Kinderarzneimittel weiterhin nicht abgedeckt seien. Steimle sprach sich zudem für ein geplantes Freihandelsabkommen mit Indien aus, um die Importquellen zu diversifizieren.
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), hielt den sechsmonatigen Vorrat für unzureichend. Statt auf logistische Resilienz zu vertrauen, müssten realistische Krisenszenarien definiert werden, forderte er. Inanc betonte zudem, die Abhängigkeit von US-Seehandelsrouten zu verringern – das aktuelle Ausmaß sei ein Risiko.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), argumentierte, dass Vorratshaltung für Generika-Hersteller kaum sinnvoll sei. Gesundheitspolitik sei untrennbar mit Industrie- und Sicherheitspolitik verbunden, warnte er und mahnte, Europa unterschätze seine Verwundbarkeiten. Investitionen in Forschung und Produktion seien keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Die Diskussionen offenbarten tiefe Gräben darüber, wie die Arzneimittelversorgung Europas gesichert werden kann. Während einige auf Vorratshaltung und Handelsabkommen setzen, plädieren andere für lokale Produktion und strengere Risikoplanung. Die Ergebnisse dieser Debatte werden die Politik zur Arzneimittelsicherheit in den kommenden Jahren prägen.






