Wie eine Berliner Künstlerin den osmanischen Meddah feministisch neu erfindet
Friedrich-Wilhelm WerneckeWie eine Berliner Künstlerin den osmanischen Meddah feministisch neu erfindet
Eine jahrhundertealte osmanische Erzähltradition erlebt in Berlin eine Renaissance. In einem Café in Kreuzberg bringt Neslihan Arol die Kunst des Meddah auf die Bühne – ein Solo-Theater, bei dem eine einzige Darstellerin durch Stimmen, Gesten und Humor ganze Geschichten zum Leben erweckt. Ihre Auftritte im Bavul Café verbinden historische Erzählstoffe mit modernen, oft feministischen Akzenten, die in dieser traditionell männlich geprägten Kunstform selten zu finden sind.
Die Wurzeln des Meddah reichen bis ins mittelalterliche Anatolien zurück, wo Geschichtenerzähler in Kaffeehäusern mit moralischen Fabeln und scharfer Gesellschaftssatire ihr Publikum unterhielten. Heute gibt Arol dieser Tradition mit ihrem mutigen, mehrsprachigen Stil neues Leben.
Dass sie überhaupt auf der Bühne landete, war kein geradliniger Weg. Ursprünglich riet ihr Vater von der Schauspielerei ab, also studierte sie Verfahrenstechnik. Doch ihre Leidenschaft für die Darstellungskunst blieb. 2014 zog sie nach Berlin, um sich in Comedy, Clownerie und Stand-up auszuprobieren – und widmete schließlich acht Jahre dem Erlernen des Meddah.
Im klassischen Theater fand sie kaum Rollen, in denen Frauen wirklich komisch sein durften. Diese Frustration führte sie zur Clownerie als feministische Ausdrucksform. Selbst ihre erste größere wissenschaftliche Arbeit beschäftigte sich mit Clowns aus feministischer Perspektive.
Auf der Bühne sind Arols Auftritte lebendig, politisch und mehrsprachig – ihre Figuren wechseln zwischen Türkisch, Deutsch und Englisch. Ein kleines Teelicht symbolisiert die Menschlichkeit der Künstlerin, eine Tradition, die sie nach einem gefährlichen Vorfall mit einer alten Gaslampe adaptierte. Heute beendet sie jede Vorstellung, indem sie die Kerze ausbläst – ein Zeichen für das Ende der Erzählstunde.
Der Meddah entstand im 13. oder 14. Jahrhundert in Anatolien und erlebte seine Blütezeit zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert in osmanischen Städten wie Istanbul. Er diente als Unterhaltung, Bildung und gesellschaftliche Kritik, verspottete oft Herrscher und Sitten – und half gleichzeitig, ethnische und religiöse Gräben zu überbrücken, indem er Folklore bewahrte und Gemeinschaft stiftete.
Arols Ansatz stellt die Tradition auf den Kopf, indem sie eine weibliche Stimme in eine Kunstform bringt, die lange von Männern dominiert wurde. Ihre Aufführungen bewahren den Geist des Meddah, dehnen aber bewusst seine Grenzen.
Mit ihren Shows im Bavul Café führt Arol eine uralte osmanische Tradition ins heutige Berlin. Ihre feministische Neuinterpretation und das mehrsprachige Erzählen erweitern die Möglichkeiten des Meddah. Die Kerze, die sie am Ende jeder Vorstellung ausbläst, markiert nicht nur das Ende einer Geschichte, sondern die Fortsetzung einer sich wandelnden Kunstform.






