07 May 2026, 12:35

Halberstadts vergessene jüdische Vergangenheit: Wie die DDR ihr Erbe tilgte

Metallplatte an einer Gebäudewand mit hebräischer Schrift, wahrscheinlich ein Denkmal für die jüdische Gemeinde.

Halberstadts vergessene jüdische Vergangenheit: Wie die DDR ihr Erbe tilgte

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht die vergessene jüdische Vergangenheit Halberstadts in der ehemaligen DDR. „Verleugnetes Erbe“ enthüllt, wie die DDR jüdisches Kulturgut tilgte, während sie vorgab, gegen den Faschismus zu kämpfen. Die Studie beleuchtet zudem den fortbestehenden Antisemitismus in der Region – von der NS-Zeit bis zu aktuellen Kontroversen.

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Halberstadt war einst ein blühendes Zentrum des neorthodoxen Judentums. Zwischen 1938 und 1942 wurde die jüdische Gemeinde der Stadt systematisch vernichtet. Die Niederbrennung der Synagoge im Jahr 1938 markierte den Beginn dieser Auslöschung, wie der Historiker Martin Gabriel festhielt.

Nach dem Krieg errichtete die DDR am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte. 1949 eingeweiht, ehrte sie die Opfer von Zwangsarbeit. Die Anlage wurde 1969 umgestaltet, um politische Treuegelöbnisse abzuhalten – gebaut über Massengräbern. Unterirdisch nutzte die DDR die Lagertunnel als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee.

Trotz vereinzelter Zeugnisse jüdischer Kultur – etwa den Schallplatten von Lin Jaldati oder Romanen von Peter Edel und Jurek Becker – bestätigt Graf in seiner Forschung, dass es in der DDR kein bedeutendes jüdisches Erbe gab. Sein Buch stellt herkömmliche Analysemethoden der ostdeutschen Geschichte infrage. Es fordert eine neue Auseinandersetzung mit sowohl rechts- als auch linksextremer autoritärer Herrschaft sowie deren antisemitischen Wurzeln.

Jahrzehnte später brach der Antisemitismus in Halberstadt wieder auf. 2018 löste der Verkauf des Einkaufszentrums Rathauspassagen an jüdische Eigentümer Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“ aus – ein Echo vergangener Vorurteile.

Grafs Werk deckt die Widersprüche der antifaschistischen Selbstdarstellung der DDR auf. Gleichzeitig zeigt es, wie sich Antisemitismus in verschiedenen Formen hielt – von der NS-Verfolgung über die DDR-Verdrängung bis zu heutigen Hetzkampagnen. Das Buch plädiert für eine Überprüfung historischer Deutungsmuster, um diese anhaltenden Vorurteile besser zu verstehen – und ihnen entgegenzutreten.

Quelle